Migration, gleich aus welchem Grund sie stattfindet, ist so alt wie die Menschheit. Wir alle sind – und zwar zu 100 Prozent – Nachfahren von Migrantinnen und Migranten! Wer dies verleugnet, verleugnet sich selbst. Denn niemand, wirklich niemand von uns wäre auf der Welt, hätten sich nicht vor Zehntausenden von Jahren einige Stämme von Afrika aus aufgemacht in die ganze Welt. 2.000 Generationen und viele, viele „Völkerwanderungen“ brauchte die Menschheit, um dahin zu kommen, wo sie heute ist.

„Was bedeuten Grenzen? Was sind Grenzen? Was bezwecken Grenzen? (…) Wir Arbeiter haben keine Grenzen nötig; diese dienen nur gewissen Schichten jedes Landes, denen alle Mittel gut genug sind, die Völker zu verhetzen.“ Karl Liebknecht

„Ausländer raus“?

Nach dem letzten Stand der Forschung liegt die Herkunft der Menschheit im südwestlichen Afrika. Dort lebt heute noch ein isolierter Volksstamm, der einzelne Gene trägt, die gleichermaßen bei Menschen in Westeuropa, in Japan, Australien, Sibirien, Nord- und Südamerika nachweisbar sind. Vermutlich waren auch schon in der Frühzeit Klimaveränderungen, die Dürren und Hungersnöte auslösten oder extreme Kältephasen hervorriefen, dafür verantwortlich, dass die frühen Stämme der Menschheit sich teilten und manche von ihnen begannen, ihre ursprünglichen Gebiete zu verlassen.

Heute tragen wir „modernen“ Menschen in Westeuropa zu etwa fünf Prozent Gene der so genannten „Neandertaler“ in uns. Was wiederum beweist, dass die Besiedelung Westeuropas in mehreren Wellen erfolgte, die Jahrtausende auseinanderlagen. Und deswegen frage ich jeden Nazi, der „Ausländer raus!“ brüllt, wie weit er damit in der Geschichte zurückgehen möchte. Mein konstruktiver Vorschlag: Ich nehme ihn mit zurück nach Afrika! Kann es angesichts der Menschheitsgeschichte irgendeine Rolle spielen, wer wann woher und warum zu uns gekommen ist? Wir meinen: Nein!

Von Hautfarben und Sprachen

Es ist die Sonne, die über die Hautfarbe entscheidet. In unseren Genen sind alle Hautfarben angelegt. Grad und Stärke der Sonneneinstrahlung bestimmen darüber, ob im Körper die Vitamin-D-Produktion angeregt oder gehemmt wird. Und dies hat Einfluss auf die Pigmente der Haut. Natürlich benötigt dieser Prozess viele Generationen. Bringen wir es auf den Punkt: Alle Menschen sind schwarz – bloß mit mehr oder weniger Vitamin D!

Blicken wir noch in die moderne Kultur. Was wir üblicher Weise „Sprachgrenzen“ nennen, sind historische Erfindungen. Wie die Menschen im Alltag sprechen, geht in Wahrheit fließend ineinander über. Das Wort „Grenze“ ist ein slawisches Wort. Im tschechischen „hranice“ (ausgesprochen: chranize mit dem trockenen, an die Schweiz erinnernden stimmlosen ch) wird aus dem harten ch im Deutschen das weiche g. Wer es vor sich hin spricht, kann es spüren: Es ist dasselbe Wort, nur ein anderer Dialekt. Unsere Zahl „drei“ heißt auf Holländisch „drie“ und auf Englisch „three“. Ein und dasselbe Wort in anderem Dialekt. Wir brauchen gar nicht Friedrich Engels und seine Forschungsarbeit „Der Fränkische Dialekt“ (in: MEW 19, S. 494-518), um die Lautverschiebungen zu verstehen (ein Lesetipp ist das trotzdem).

Daher bemühten sich die Herrschenden in allen Zeiten so sehr darum, aus den vorhandenen Dialekten „Hochsprachen“ zu erzeugen, die dazu beitragen sollten, das beanspruchte Herrschaftsgebiet zu sichern. Sie werden in den Schulen gelehrt, darin werden Gesetze geschrieben, all dies erzeugt erst das, was wir „Sprachgrenzen“ nennen, weil die Übergänge und Zwischenstufen, die Dialekte, dahinter verschwinden. Hautfarbe oder Sprache scheiden als Kriterien aus, wenn es darum geht zu beurteilen, wer wo auf der Welt leben darf.

Von Nationen und Religionen

Die heutigen Nationalstaaten sind zumeist Ergebnisse historischer Zufälle, Folgen von Kriegen oder dem  Geschacher früherer Fürsten. Hätten die damals heidnischen Sachsen, die noch nicht als „deutsch“ galten, im Jahr 804 gegen die Armee von Karl, genannt „dem Großen“, gewonnen, wären die Westfalen slawisch geblieben. Hätte Karls Sohn Ludwig „der Fromme“ nicht gegen die eigenen Söhne aus erster und zweiter Ehe gekämpft, wäre das Frankenreich 843 und 870 nicht in die Gebiete aufgeteilt worden, aus denen Deutschland und Frankreich hervorgingen. Wir wären auch keine Deutschen, hätten die Schweden im Dreißigjährigen Krieg von 1618 bis 1648 gesiegt. Und Bayern, natürlich ohne Franken, wäre vielleicht bis heute österreichisch, hätte das Kaiserhaus in Wien eine andere Heiratspolitik betrieben. Wer heute deutsch ist, kann daraus kein Recht ableiten, anderen die Eintrittskarte zu verweigern. Denn in Bezug auf die Nationalität und wie sie zustande kam, sind wir alle vereint: Schachfiguren der Mächtigen!

Und die Religion? Wir können gern und lang darüber streiten, ob eine Jungfrauengeburt wirklich möglich ist, und ob Gott als alter Opa mit langem Bart auf einer Wolke sitzt. Wir können gern darüber streiten, ob eine Hostie tatsächlich ein Stück vom Leib Jesu ist (katholisch) oder doch nur eine Repräsentation davon (evangelisch). Wir können auch gern darüber streiten, ob es nach Mohammed weitere Propheten gab oder ob wir nach dem Tod als Bakterien wiedergeboren werden. Streiten können wir viel, doch bleibt es das Menschenrecht eines jeden, an das fliegende Spaghettimonster zu glauben oder auch fünfmal am Tag gen Mekka zu beten. All dies spielt keine Rolle, wenn wir beurteilen wollen, ob jemand zu Recht oder zu Unrecht unter uns lebt.

Da halten wir es mit dem Alten Fritz: „Jeder soll nach seiner Façon selig werden.“ So fasste Friedrich II. von Preußen (1712-1786) die dort herrschende Toleranz zusammen, nach der sich die Hugenotten, evangelische Flüchtlinge aus dem erzkatholischen Frankreich, vor allem ab 1685 in Preußen ansiedeln konnten. Sie steigerten die Bevölkerungszahl Berlins in kurzer Zeit um über 30 Prozent. Stellt Euch vor, es würden nicht nur 5.000 Geflüchtete nach Essen kommen, sondern gleich 170.000! Preußen „schaffte“ das nicht nur, die Folge war ein enormer wirtschaftlicher Aufschwung – der Grundstein für den Aufstieg Preußens zur Großmacht. Erst recht der weltpolitische Aufstieg der USA, das moderne Einwanderungsland schlechthin, im 19. und 20. Jahrhundert zeigt: Die These, Geflüchtete würden „uns“ per se überfordern, entbehrt geschichtlich nachweisbar jeder Grundlage. Es kommt nur darauf an, wie eine Gesellschaft damit umgeht.

Ein Einwanderungsgesetz oder keins?

Unsere Politik fußt auf einem gänzlich anderen Grundsatz: „Als Linke stehen wir an der Seite aller Menschen, die auf dieser Welt unterdrückt und ausgebeutet werden. Für uns ist die internationale Klassensolidarität ausschlaggebend: Die Grenzen verlaufen nicht zwischen den Völkern, sondern zwischen oben und unten.“ Mit diesen Worten beginnt das Positionspapier, das der Kreisverband DIE LINKE. Essen in den vergangenen zwei Monaten zum Umgang mit der Migration erarbeitet hat. Im Juni legen wir es dem Bundesparteitag vor. Das höchste Gremium unserer Partei, so schreiben wir in der Begründung, möge „ein nach außen wie innerparteilich deutlich sichtbares Zeichen gegen Rassismus setzen.“

Unlängst entwickelte eine Arbeitsgruppe im Auftrag der ostdeutschen Landesverbände ein Konzept für ein „linkes“ Einwanderungsgesetz. Letztlich werden auch darin Abschiebungen gebilligt. Diese sollen aber nur in Staaten vorgenommen werden, die „sozial sicher“ seien. Es geht dabei nicht nur um die Abwesenheit von Krieg, sondern darum, dass diese Staaten den Abgeschobenen eine menschenwürdige Existenz garantieren. Ein kleiner Fortschritt gegenüber den heutigen angeblich „sicheren Herkunftsländern“, aber letztlich nur ein gradueller Unterschied, der viele Interpretationsspielräume zulässt. Gibt Deutschland der Türkei ein paar Milliarden, unterschreibt auch ein Erdoğan, dass es bei ihm nicht nur „sicher“, sondern auch „sozial sicher“ sei.

Weiterhin sollen Abschiebungen unterbleiben, wenn die Geflüchteten hier gesellschaftlich eingebunden sind, sich etwa in Vereinen engagieren. Erinnert dies nur mich an das Konzept der „Leitkultur“ von CDU und CSU? Es ist die gleiche Haltung: Integration wird als Bringschuld der Migrierten gesehen, nicht als etwas, für das wir auch selbst verantwortlich sind: Wer sich anpasst, gewinnt. Das passt nicht zu einer Politik, die international und klassensolidarisch organisiert ist und die die Menschenrechte ernst nimmt.

Offene Grenzen

Unser Einsatz für offene Grenzen speist sich aus verschiedenen Quellen. Zunächst kritisieren wir den globalen Kapitalismus, der für seinen Profit die Menschen in der gesamten Welt ausbeutet und gegeneinander ausspielt, der die Umwelt zerstört und damit uns und den nachfolgenden Generationen die Lebensgrundlagen raubt. Wer von euch möchte angesichts der weltweiten Krisen bestreiten, dass dieses System nicht das Ende der Geschichte darstellen kann?

Unsere Haltung fußt auch auf dem Humanismus. Diese Philosophie, die vor drei Jahrhunderten zur ideologischen Grundlage der bürgerlichen Gesellschaft heranreifte, betrachtet uns Menschen als vernunftbegabte Wesen, die in der Lage sind, sich ethisch-moralisch weiterzuentwickeln und damit letztlich auch die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Wer von euch möchte bestreiten, diese Vernunft zu besitzen?

Ebenfalls sind die Menschenrechte als Quelle zu nennen. Wenn wir ernst nehmen, dass alle Menschen gleich sind und daher von Geburt an die gleichen unveräußerlichen Rechte genießen: Mit welchem Recht kann überhaupt irgendwer für andere entscheiden, wo und wie jemand zu leben hat, wer bleiben darf und wer gehen muss?

Die Wanderungsbewegungen der Geschichte beweisen eines: die Intelligenz und Zähigkeit der menschlichen Rasse, die keine Mühen scheut und höchst erfinderisch ist, wenn es darum geht, das eigene Überleben zu sichern. Nichts davon kann man den Geflüchteten, die in unserer Zeit die gefährliche Reise über das Mittelmehr wagen, in irgendeiner Weise vorwerfen. Sie sind Menschen, deshalb wollen auch sie nichts anderes als wir selbst, nämlich – leben!

Es gibt nur eine Welt, es gibt nur eine Menschheit. Bei Strafe unseres Untergangs muss die Menschheit lernen, sich als Einheit, als ein Ganzes zu begreifen und gemeinsam den Kapitalismus überwinden!

Das Migrationspapier, welches auf dem kommenden Bundesparteitag eingereicht wird, findet ihr hier zum herunterladen oder auf Folgender Seite zum nachlesen.

Die Inhalte dieses Textes geben nicht unbedingt die Meinung des Kreisverbands der LINKEN. Essen wieder.

Autorinnen und Autoren

Ralf Fischer

Ralf Fischer ist Schatzmeister im Kreisvorstand DIE LINKE. Essen. Er war seit 1990 in der Vorläuferpartei PDS.

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